Hören

Wir leben in einer primär visuellen Kultur und das nicht erst, seitdem Fernseher in nahezu jeden Raum strahlen. Das Visuelle dominiert inzwischen jeden Lebensbereich. Ob wir arbeiten oder lernen, ob wir uns informieren, orientieren oder amüsieren - meist geschieht dies primär visuell, das heißt zu aller erst und zu allermeist mit unseren Augen. Das Visuelle dominiert unser persönlich-privates, unser berufliches, unser öffentliches und auch unser kulturelles Leben. Dominanz des Visuellen bedeutet, dass wir Menschen dem Sehen als Orientierungssinn und als Orientierungsfunktion eine enorme Bedeutung beimessen und unsere Lebensumwelt entsprechend aktiv, bewusst und zielstrebig vor allem visuell organisieren. Moderne Menschen denken, dass sie sich überwiegend mit den Augen orientieren und meinen, dass das Auge unser wichtigstes Sinnesorgan sei.

Aber das ist ein großer Irrtum. Jeder, der etwas vom Erleben des Menschen versteht, weiß, dass das menschliche Auge und das Sehen des Menschen weder der leistungsfähigste Sinn, noch der genaueste in Bezug auf die objektiven Reize oder gar der einflussreichste in Bezug auf das menschliches Erleben ist. Es ist eben nicht das Auge, sondern das Ohr oder besser gesagt unsere beiden Ohren und unser Hörvermögen. Das Hören ist unser stärkster Sinn. Nur ist das heutzutage kaum jemandem bewusst. Dass Menschen hören, weiß natürlich jeder. Aber dieser Fakt wird eher beiläufig zur Kenntnis genommen, als wäre das Hören eine sekundäre Begleiterscheinung der visuellen Wahrnehmungen. Betrachten wir unsere alltägliche Lebenswelt und Lebensweise, dann scheint zudem diese falsche Auffassung auch durch viele gesellschaftliche Phänomene bestätigt.

Nehmen wir aber die Physiologie und Psychologie des Menschen als Bezugspunkt unserer Betrachtungsweise, so stellen wir fest, dass das Ohr und die damit verbundene Sinnesleistung des Hörens viel leistungsfähiger, viel genauer und differenzierter ist als die des Auges. Das Ohr empfängt und verarbeitet Reize einer außergewöhnlichen Bandbreite und hat darin eine zehnfach größere Toleranzbreite als das Auge. Die höchste Konzentration an Nervenzellen findet sich im menschlichen Innenohr. Das Ohr ist mit sehr viel mehr Nervenfasern mit dem Gehirn verbunden als das Auge. Es programmiert das Gehirn sehr viel intensiver und wird intensiver vom Gehirn gesteuert als das Auge. Und: Wir hören 24 Stunden am Tag. Auch in der Nacht, wenn alle anderen Sinne ruhen, ist unser Gehör auf Empfang gestellt. Wir müssen hören, selbst wenn wir das manchmal gar nicht wollen, eben weil wir keine Ohren-Lider haben. Die Ohren der Menschen stehen immer offen und hören, unabhängig davon, ob ihnen das gerade gefällt oder nicht, ob ihnen das gerade bewusst wird oder eben nicht.

Weder das Hören, die auditive und akustische Wahrnehmung des Menschen, noch die Auswirkung von Geräuschen, Tönen oder Klängen auf das Erleben, Befinden und Verhalten von Menschen, noch das interne Zusammenspiel von Gehörtem mit Gesehenem, Gerochenem, Getasteten und Gewusstem sind bisher hinreichend intensiv erforscht. Dennoch haben wir zahlreiche interessante Befunde und Erfahrungen, die den enormen Einfluss des Hörens und damit auch den enormen Einfluss des Gehörten auf das gesamte Erleben und Verhalten jedes Menschen untermauern. Unter allen Sinnen, die uns zur Verfügung stehen, hat das Hören eine Superposition, einen im Vergleich zu den anderen Sinnesmodalitäten überragenden Einfluss auf das menschliche Erleben, Befinden und Verhalten.

Wenn wir das Hören als Erlebensweise wieder ins Gespräch bringen wollen, dann sollten wir nicht vordergründig nur auf die negativen Aspekte fokussieren. Natürlich dürfen wir nicht vergessen, welcher Schaden Menschen zum Beispiel durch extreme Lärmbelästigung in der Nähe von Flugplätzen oder Autobahnen entstehen. Aber es gibt noch viele andere Aspekte, und eben viele positive, die das Phänomen menschlichen Hörens ausmachen. Akustische Signale, Geräusche, Klänge wirken mehr als optische Signale. Musik war in vorgeschichtlichen Zeiten ein Zaubermittel, eines der alten legitimen Mittel der Magie. In ihrer einfachsten Form, als Rhythmus, stimmte sie in kürzester Zeit eine Vielzahl von Menschen gleich, brachte Atem, Herz und Gemüt in denselben Takt. Nicht umsonst wurde dann auch in späteren Zeiten mit der Fanfare zum Kampf geblasen. Musik hat bewusstseinsveränderndes Potential. Seit Jahrtausenden wird der Einfluss des Klangs als Psychotechnik zur Beeinflussung von Menschen und Menschenmassen genutzt.

Klang hat objektive Formen und objektiviert sich in Form. Seit Pythagoras sind Harmonie und harmonikale Proportionen nicht nur Eigenschaften der Mathematik, sondern haben auch grundlegende akustische Bedeutung. Hier werden sie als Dissonanz -Missklang- oder Konsonanz -Wohlklang- erfahren. Harmonikale Proportionen wurden darüber hinaus in vielen anderen Wissenschaften nachgewiesen. Sei es die Astronomie, die Physik und Chemie oder die Biologie. All diese Wissenschaften forschen an denselben Grundlagen, die das menschliche Hören fundieren. Welche Geräusche, Klänge, Sounds, Musik die Planeten, Elemente, Pflanzen und Tiere machen, haben die Wissenschaftler vielfach demonstriert. Welche Geräusche, Klänge, Sounds, Musik die Menschen machen können, führen uns die Musiker -sei es aus Klassik, Jazz, Pop oder Rock - weltweit vor. Welche Geräusche, Klänge, Sounds, Musik die Dinge unseres Lebensalltags machen oder machen können, liegt in der Hand der Designer und Produzenten. Ob sie es wollen oder nicht, egal was sie herstellen: sie produzieren in jedem Fall Klang/ Sound. Und dieser Klang/ Sound wird gehört - sei es als Missklang, sei es als Wohlklang - 24 Stunden am Tag.

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